Ein Umzug ins Ausland ist ein bedeutender Schritt, den jedes Jahr auch viele Deutsche vollziehen. Neben unterschiedlichsten Herausforderungen kann eine derartige Entscheidung auch für mehr Lebenszufriedenheit sorgen, wie eine Studie zeigt.
Eine Auswanderung bietet neben neuen Möglichkeiten privater wie beruflicher Natur in der Regel auch Chancen für das persönliche Wohlbefinden. Eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) zeigt, dass Auswandern die Lebenszufriedenheit der Betreffenden spürbar steigern kann.
Dieser Effekt ist sogar stärker als bei einem Umzug innerhalb Deutschlands oder anderen positiven Lebensereignissen. Zudem ist das Thema von zunehmender Relevanz. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes (destatis) haben sich 2023 insgesamt 265.035 Deutsche fürs Auswandern entschieden. Generell dokumentieren die Daten ein anhaltend hohes Auswanderungsniveau der Deutschen seit 2016. Die BiB-Studie macht deutlich, dass die Lebenszufriedenheit von Deutschen nach einer Auswanderung signifikant wächst. Im Durchschnitt steigt sie auf einer Skala von 0 bis 10 um 0,5 Punkte. Dieser Zugewinn ist doppelt so groß wie bei einem rein innerdeutschen Umzug, der einen Zuwachs von etwa 0,2 Punkten bewirkt. Vergleichbar ist eine Auswanderung in punkto Lebenszufriedenheit in etwa mit den positiven Effekten der Geburt eines Kindes (0,2 bis 0,3 Punkte). Insbesondere ihre Perspektiven beurteilen viele Menschen danach individuell positiver.
Wohlbefinden verändert sich vor und nach dem Umzug
Interessanterweise sinkt die Lebenszufriedenheit vor einer Auswanderung leicht ab. Dies kann durch die organisatorischen wie emotionalen Belastungen erklärt werden. Auch die mögliche Unzufriedenheit mit der aktuellen Lebenssituation, die den Entschluss zur Auswanderung motiviert, kann dazu beitragen. Nach dem Umzug ins Ausland steigt das Wohlbefinden jedoch deutlich. Anschließend bleibt es bis zu zwei Jahre lang auf einem signifikant höheren Niveau. Erst danach setzt ein Gewöhnungseffekt ein, durch den die Lebenszufriedenheit allmählich wieder auf ein stabileres Niveau zurückkehrt. Allerdings profitieren Individuen unterschiedlich stark von ihrer Auswanderung.
Der Zugewinn an Lebenszufriedenheit hängt stark davon ab, in welcher Situation die Betreffenden ihre Entscheidung zur Auswanderung getroffen haben.
- Singles profitieren am stärksten. Sie verzeichnen einen durchschnittlichen Zuwachs von 0,6 Punkten. Grund: Sie treffen ihre Entscheidung unabhängig und frei von Kompromissen.
- Selbst entscheidende Paare erleben ebenfalls einen hohen Anstieg von 0,5 Punkten. Sie können eigene Präferenzen und Bedürfnisse stärker berücksichtigen.
- Gemeinsam entscheidende Partner erzielen einen moderaten Zugewinn von 0,4 Punkten. Bei ihnen spielen Kompromisse in der Entscheidung eine größere Rolle.
- Mitziehende Partner profitieren am wenigsten. Da sie die Entscheidung nicht aktiv oder maßgeblich beeinflusst haben, steigt ihre Lebenszufriedenheit gerade einmal um 0,2 Punkte. Diese Unterschiede verdeutlichen, dass der Grad der individuellen Entscheidungsfreiheit ein zentraler Faktor für das Thema Lebenszufriedenheit ist.
Positive Effekte auch für die Gesellschaft
Die Studie weist darauf hin, dass das Auswandern von Deutschen nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich positive Effekte haben kann. Das gilt insbesondere dann, wenn es sich nur um temporäre Auslandsmobilität handelt. Viele Deutsche kehren nach einigen Jahren im Ausland zurück und bringen neue Fähigkeiten, Perspektiven und Erfahrungen mit, die sowohl ihrer persönlichen als auch der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland zugutekommen. Ein sogenannter „Happiness Drain“, bei dem eher die zufriedenen Menschen dauerhaft das Land verlassen und dadurch das gesellschaftliche Wohlbefinden in Deutschland negativ beeinflussen, konnte (glücklicherweise) nicht festgestellt werden.
Aus politischer Sicht könnten Maßnahmen, die den Zugang zu (temporärer) Auslandsmobilität erleichtern, dazu beitragen, dass noch mehr Menschen die positiven Effekte eines Auslandsaufenthaltes erleben. Dabei geht es beispielsweise um die Förderung von Sprachkursen oder die Vereinfachung bürokratischer Prozesse. Gleichzeitig sollten Rückkehrer engagierter unterstützt werden, um ihre gesammelten Erfahrungen für die Gesellschaft zu nutzen. So kann ein Umzug ins Ausland nicht nur eine individuelle Bereicherung darstellen, sondern auch langfristig zu einem gemeinschaftlichen Mehrwert beitragen.